DirectorBarrie Kosky
Set DesignerRufus Didwiszus
Costume DesignerVictoria Behr
Lighting DesignerAlessandro Carletti
OrchestraOrchestra of the Royal Opera House
ConductorAntonio Pappano
SiegfriedAndreas Schager
MimePeter Hoare
Der WandererChristopher Maltman
BrünnhildeElisabet Strid
AlberichChristopher Purves
FafnerSoloman Howard
ErdaWiebke Lehmkuhl
WoodbirdSarah Dufresne
ActorMarcella Riordan
Concert MasterMagnus Johnston

Mutter Natur geht schaukeln. Gut, Kleider hat sie dabei keine an, aber mein Gott, man muss ja nicht immer so pingelig sein. In der verkohlten Welt von Barrie Koskys Siegfried am Londoner Royal Ballet and Opera gibt es selbstverständlich ein Wiedersehen mit der stummen Erda aus den vorherigen Opern. Diesmal muss sie sich mit zwei Tenören in der Weltesche herumschlagen sowie etlichen Zankereien auf einer Parkbank. Die Auseinandersetzung mit einem Naturthema im Ring siecht weiterhin ein wenig dahin, doch Kosky gelingt eine charmante und liebenswürdige Inszenierung. Das muss man, Mankos hin oder her, erst mal schaffen. (Rezension der Premiere v. 21. März 2026)

Auf einer Art Schrottplatz verlebt Titelfigur Siegfried verlebt eine dystopische Kindheit und Jugend zwischen Altmetall im Garten, großer Baumschaukel (okay, manchmal turnt da eine nackte alte Dame herum) und Narrenfreiheit daheim (zum Teufel mit dem Erziehungszwerg!). Ja, wahrlich zum Teufel. Unter Koskys Regie und Victoria Behrs Kostümen wird Mime mit Socken in Sandalen und schmuddeligem Flanell-Bademantel zur Gruselfigur einer jeden Kleingartensiedlung. Ein alleinstehender Mann sesshaft im Schrottplatz-Baumhaus mit einer seltsamen Lache ist in der kindlichen Fantasie ein quasi perfekter Bösewicht aus einem Abenteuerbuch – für Erwachsene eher ein komischer Kauz, von dem sie vielleicht etwas zu befürchten haben. Peter Hoare singt ihn mit kernigem Charaktertenor und detailreicher Phrasierung; weniger der Stimmklang an sich fasziniert, sondern viel eher die Bandbreite an vokalen Ausdrucksmöglichkeiten, Farben und Einfälle, die Hoare als Nicht-Muttersprachler nicht scheut. Schnelle Dialoge wie der mit seinem verhassten Bruder Alberich tun der Diktion allerdings leider schlecht. Der junge Siegfried entdeckt an diesem Kauz wohl oder übel das Recht des Stärkeren, weiß er doch sehr wohl, wie er den Zwerg ärgern kann und ist nicht weise genug, zu ahnen, in welche Richtung er die Situation treibt. Doch wohnt in ihm der Lebenshunger und die Leichtigkeit eines Teenagers in einer Coming-of-Age-Story, und so treibt es Zwerg mit Teenager und neu geschmiedetem Schwert Richtung Neidhöhle.

Die liegt im wahrsten Sinne des Wortes am Weg. Fafner wohnt in einem modernen Häuschen am verschneiten Straßenrand und hat es sich offenbar zur Angewohnheit gemacht, die Spaziergänger zu fressen. Oder zumindest mit seinen Gehstöcken zu erschlagen. Dazu steuert Soloman Howard sehr effektive Drachen-Brülltöne bei sowie später den zunehmend hohlen Klang eines Sterbenden. Nachts lungert vor diesem Haus Alberich im schwarzen Kapuzenpulli herum, ein mies gelaunter Möchtegern-Einbrecher, der auf den Tod des hungrigen Hausherrn wartet. Christopher Purves singt eine Art Pendant zu seinem Brüderchen im Tenor, nur eben tiefer – die Furchtlosigkeit und der Einfallsreichtum seines Alberichs stimmen, die obersten Spitzentöne kämpfen etwas. Freilich bleibt er vor Fafners Haus nicht allein: Wotan, wandernd mit Speer und wucherndem Haarkranz, gesellt sich zu Alberichs Leidwesen gern dazu. Christopher Maltman vollendet seinen Wotan klanglich üppig im Forte, ein markiger und klarer Baritonklang, der vollends in der Rolle angekommen ist, und wechselt dennoch mühelos in den dialogischen Ton, wann immer nötig. Mit Herrgottsruhe packt der alternde Gott auf der Parkbank vor Fafners Haus eine grüne Chipstüte aus und bietet dem Zwergenfeind welche an. Gelächter im ganzen Haus. Ohnehin gestaltet sich das Ganze erfreulich witzig; das selbstkontrollierte britische Publikum lacht herzlich. O-Ton Siegfried beim Erscheinen Fafners: „Boah!“. Nach der bitterernsten Walküre wird sich dieser Humor in einer zyklischen Aufführung sicher gut machen und eine abwechslungsreiche Leichtigkeit ins Geschehen bringen.

Oben auf dem Walkürenfelsen, weit entfernt von aller Welt, grünt und blüht alles, dass einem fast die Augen übergehen. Ist die Erschaffung des Rings die Ur-Sünde der Welt, die sie verkohlen lässt, dann kann offenbar nur dort, wo der Ring nicht wütet, noch etwas gedeihen. Und das tut es. Elisabet Strid setzt als Brünnhilde ihre Töne sanft an, lässt sie anschwellen zu großer Lautstärke und einem breiteren Vibrato. Die leisen Passagen bekommen ihr erstaunlich gut, dieser Stimme, die auf wenig Samt und Polster zu gehen scheint. Inwiefern sie die Götterdämmerung meistern wird, bleibt also noch ein wenig offen. Etwas Optimismus ist geboten. Dass es indes noch Publikum gibt, das noch nie Bekanntschaft mit Andreas Schagers legendärer Lautstärke gemacht hat, ist schwer zu glauben – doch der österreichische Import-Siegfried gibt hiermit ein erstklassiges Debüt an diesem Theater. Wie immer beeindruckt die Stimmkraft im Schmiedelied, doch an diesem Abend findet Schager auch zu zärtlichen, reflektierten Tönen im zweiten Akt und zeigt sich somit in sehr guter Form. Auch sein komisches Talent darf in einer Tanzeinlage bestens zur Geltung kommen. Sarah Dufresne als silbig-schöner Waldvogel und Wiebke Lehmkuhl als Erda trotz Indisposition sehr lebendig zwischen Zorn und Erschöpfung vollenden die Besetzung. Zum Schluss tollen Siegfried und Brünnhilde in der Blumenpracht des Walkürenfelsens herum. Für den Moment ist alles gut. Für den Moment. Aber das reicht ja.

Einziger Haken bei der Sache: beworben wird der Ring regelmäßig mit dem Themenschwerpunkt Natur und menschlicher Raubbau an selbiger. Mutter Erde erinnere sich an ihre eigene Zerstörung, hieß es in der Walküre. Nun – spätestens im Siegfried wird offensichtlich, dass das so nicht stimmen kann, oder dass die Regie diesen Aspekt selbst etwas aus den Augen verlor. Schließlich hat sich die Natur im Bühnenbild von Rufus Didwiszus zumeist seit dem Rheingold nie verändert, sie ist so verkohlt wie eh und je. Bei schleichenden Grenzüberschreitungen von Göttern und Menschen sollte sich in der Szenerie eigentlich mehr tun. Ebenso wird Erdas Statistenrolle (Darstellung von Illona Linthwaite) bei weitem nicht so ausgeschlachtet, wie man könnte – die zahlreichen Zankereien im zweiten Akt geschehen häufig auf der Parkbank mit Erda zwischen die Streitparteien gequetscht. Nur: im wichtigsten Duell Wanderer vs. Alberich, die Erzrivalen um die Herrschaft der Welt, die beide an der Ur-Ordnung der Welt rütteln wollen, jeder auf seine Art, da fehlt sie. Dass sie mit Mundbewegungen den Waldvogel mimt, ist ein schönes Detail, das jedoch kaum eine komplette Auseinandersetzung mit dem Thema Natur und Naturgesetz darstellt, zumal sie häufig nur als Beobachterin neben der Handlung eingesetzt wird. Akzeptiert man die zerstörte Natur viel eher als Kulisse anstatt als Fokus, bleibt eine Inszenierung mit außerordentlich viel Herz und Wärme, mit einem Händchen für präzise Charakterzeichnungen, durchdachte Interaktionen und Beziehungen, kurz: das Menschliche an sich. Da knüpft der Siegfried glücklicherweise auch mit (oder trotz) humorigem Unterton direkt an die Vorgänger-Oper an, und es ist, weiß Gott, eine Fähigkeit ganz für sich allein, die nicht jeder besitzt, der sich Regisseur nennt, besonders nicht in diesem Ausmaß, in dieser Lebendigkeit und Sorgfalt, wie die Regie mit den Figuren umgeht.

Antonio Pappano am Pult dirigiert kein Heldenepos, sondern den Coming-of-Age Film, den Kosky auf der Bühne auch inszeniert. Zwischen Komik und Dystopie wäre Krachen nicht angebracht, daher drosselt Pappano zumeist die Tempi, liefert ein schmelzig-dunkles Vorspiel mit dem Nibelheim-Motiv im Vordergrund (ohnehin bekommt Pappanos Stil den Vorspielen allen sehr gut) und lässt das Orchester des Royal Ballet and Opera Wotans ersten Auftritt zurückgenommen und majestätisch untermalen. Ganz ungewohnt, wenn man häufig beispielsweise das Mächtige eines Böhms oder Barenboims im Ohr hat, aber doch sehr willkommen, denn die gewählten Tempi und diese nicht „beherrschte“, aber feingliedrige Art erlaubt allen Beteiligten das Ansetzen und Entfalten ihrer gegebenen Stimmfarben. Auch passt sich Pappano unauffällig an das Lautstärkepotenzial der Besetzung an; Mimes Passagen im Schmiedelied sind nahtlos leiser gespielt als Siegfrieds, da freilich sonst der arme Zwerg von der rollenden Klangwelle in Form eines Heldentenors mit Orchester akustisch verspeist werden würde. Das ist streckenweise auch eine Herausforderung für das Blech, diese gewünschten sanfteren Tonansätze, und da gehen ein paar Patzer ins Feld. Das Leitmotiv-Bingo bleibt durchweg jedoch ein Spaß; ebenso glänzt das Naturverbundene, Lautmalerische der Partitur zwischen Licht und Dunkel.

Nach Verlassen des Theaters und Einstieg in eine Bahn der Piccadilly-Line offenbaren sich die weiteren Dramen des Abends. Nicht alle waren heute bei einem Kampf mit einem Drachen anwesend. In Ostlondon wurde währenddessen Bayer Leverkusen von Arsenal aus der Champions League gekickt. Schläfrige Fußballfans mittleren Alters blättern neben bebrillten Operngängern in Arsenal-Zeitungen, rot wie die Programmhefte der Oper. Sie teilen sich die Plagen des schütter werdenden Haares und zockeln nach Westlondon, steigen in versprengten Grüppchen aus. Morgen wieder Arbeit. Für den Moment ist alles gut. Für den Moment. Aber das reicht ja.